So leidet die Gastronomie unter dem anhaltenden Corona-Lockdown

Keine Öffnungsperspektive - Pidinger Wirtsfamilie: „Da spielen sich wahre Dramen ab“

Wirtsfamilie Oberholzner von der Pidinger Gaststätte „Lohmayr Stub‘n“
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Sebastian und Tanja Oberholzner betreiben in Piding die Gaststätte „Lohmayr Stub‘n“.

Sebastian Oberholzner betreibt gemeinsam mit seiner Frau Tanja die „Lohmayr Stub‘n“ in Piding. Seit Monaten können sie aufgrund des Lockdowns nicht aufsperren. „Ich bin einfach stinksauer über das, was gerade passiert. Wir persönlich werden die Krise überleben, aber viele andere eben nicht“, betont der Wirt - und bricht mit seinen Worten eine Lanze für die Gastro-Branche.

Piding - Staatliche Hilfen? Lassen auf sich warten. „Die einmalige Abschlagszahlung für den Monat November war für uns ein Tropfen auf dem heißen Stein. Wir mussten im Landkreis Berchtesgadener Land innerhalb von wenigen Stunden zusperren und auf Entschädigungen - Hilfen möchte ich es ja gar nicht nennen - warten wir seit vier Monaten. Zusperren müssen und keinerlei Unterstützung bekommen - das geht nicht“, unterstreicht der Wirt von der „Lohmayr Stub‘n“ die prekäre Lage, in der sich die Gastronomen befinden.

„Was meinen Kollegen und mir sauer aufstößt, sind die Schuldzuweisungen vom Bund zum Land, vom Land zum Bund und im Grunde passiert wirklich gar nichts“, betont Oberholzner und beruft sich auf die fehlerhafte Software zur Beantragung staatlicher Hilfen. „Ein Armutszeugnis, eine Software nicht in Gang zu bringen“, schimpft er und zieht einen Vergleich: „Wenn ich beim Finanzamt meine Steuervorauszahlungen einen Tag zu spät einreiche bekomme ich eine Mahnung. Ob meine Software, mein PC oder meine Internetverbindung funktioniert interessiert keinen.“

Private Altersvorsorge zur Subventionierung des Gaststätten-Betriebs

In der jüngsten Regierungserklärung nach dem Lockdown-Gipfel am 10. Februar war nicht die Rede von schnellen Öffnungsperspektiven - gerade Hotels und Gaststätten blicken in die Röhre. Ein Ende scheint nicht in Sicht. „Wir persönlich haben Reserven und profitieren von unserem Betrieb, der die letzten zehn Jahre erfolgreich lief“, erzählt Oberholzner. Und doch ist er an dem Punkt angelangt, an dem er mit seiner privaten Altersvorsorge seinen Betrieb subventionieren muss. „Das ist lächerlich.“

Darüber hinaus gebe es andere Betriebe, die nicht so gut dastehen, weiß der Pidinger Wirt: „Für die stellt sich die Lage düster dar - gerade bei denen, die es noch nicht so lange gibt und die noch keine Rücklagen haben, auf die sie zurückgreifen könnten. Da spielen sich wahre Dramen ab.“

In der „Lohmayr Stub‘n“ halten sich die Wirtsleut mit wöchentlichen Abholangeboten über Wasser. Finanziell sei das zwar nicht sehr attraktiv, „aber wir tun etwas, bleiben in Kundenkontakt und haben so eine Beschäftigungstherapie. Wir sitzen ja ohnehin seit Monaten herum und können nirgends hin, weil alles andere auch zu hat.“

Auch im vierten Monat Lockdown hängen die Wirte in der Luft

Oberholzner kann nur den Kopf schütteln, als die Sprache zum ersten Lockdown kommt und spannt den Bogen zu einer kleinen Anekdote, um die vertrackte Situation mit den staatlichen Hilfen zu unterstreichen: „Im Juli vergangenen Jahres haben wir mehr Umsatz gemacht als im Juli 2019, weil wir da 3,5 Wochen Betriebsurlaub hatten. Hätte ich also nach dem Lockdown im Frühjahr weiterhin geschlossen gehabt und nicht aufgesperrt, dann hätte ich Geld vom Staat bekommen. Ich habe aber aufgesperrt und kein Geld bekommen - es ist schon sehr abstrus, was da abgeht.“

Grundsätzlich hängen die Wirte auch im vierten Monat Lockdown in der Luft: „Ob und wie viel wann an Hilfen ankommt, das wissen wir nicht.“ Oberholzner hat deshalb in einem Brief an Wirtschaftsminister Aiwanger seinem Ärger Luft gemacht. Ob es was bewirkt, ist noch offen. Auf Facebook jedenfalls findet der Post viel Zuspruch.

Auch wenn er sich für seinen eigenen Betrieb finanziell keine Sorgen macht, blickt Oberholzner mit gemischten Gefühlen in die Zukunft. Knapp fünf Monate Lockdown und drei im Frühjahr vergangenen Jahres - seit bald einem dreiviertel Jahr müssen die Wirtschaften zusperren. Das Berchtesgadener Land ging zwar als erster Landkreis Deutschlands in den Lockdown, inzwischen ist die Inzidenz das erste Mal seit Oktober unter 100. „Soviel zur Wirksamkeit des Lockdowns“, sagt Oberholzner resigniert.

Keine konkreten Pläne für die „Lohmayr Stub‘n“ - „weil‘s einfach nix bringt“

Die Schwierigkeit sieht er im Stufenplan der Inzidenzen: „Ob 35, 20 oder was auch immer - ich werde nicht aufsperren und den gesamten Betrieb hochfahren, wenn eine Woche drauf die Inzidenz im Landkreis steigt und ich sogleich wieder zusperren darf. Das kostet mich ein Vermögen und ist in meinen Augen ein reines Pokerspiel.“

Die Planungsunsicherheit und die Ungewissheit seien eine Katastrophe für die Wirte. „Keiner kann aufsperren, wenn er nicht weiß, an welchem Tisch wie viele Haushalte sitzen dürfen. So kann keine einzige Reservierung angenommen werden - es ist grotesk. “ Daher plane Oberholzner für seine Gastwirtschaft nun überhaupt nicht mehr, „weil‘s einfach nix bringt. Wir haben daraus gelernt: Wenn man plant, ist es sinnlos und dann ärgere ich mich noch viel mehr.“

mb

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